14. - 16. Mai 2010

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“GENESIS”

„GENESIS“

Am Anfang gab es für mich noch keine Gletscher. Ich entdeckte diese majestätischen Geschöpfe erst später auf meinen Streifzügen. Einmal, als ich im Sommer in den Alpen wandern ging und anhielt, um den winzigen, unterirdischen Wasserläufen, unsichtbar, von dichtem Gras und Steinen überdeckt, zu lauschen, da fielen mir die Gletschergesänge auf.
Diese Wasserstimmen verzauberten mich. Wo kamen sie her? Von weit oben zeigten Finger in Richtung Läntahorn. Ich folgte dem Weg, den mir die Finger wiesen, ging jeden Tag weiter, mein Aufnahmegerät in meiner Jackentasche und die Kamera stets griffbereit.
Unterwegs traf ich auf viele Ausläufer des Gletschers: Eishöhlen, Eistunnel, Lawinen, Séracs. Ich begann, die Aussenpunkte des Gletschers, die Finger dieser alten Eisherren, zu erforschen.
Ich kletterte immer höher, und eines Tages kam ich an einen Bach. Die Wassergeräusche klangen besonders traurig und verloren. Dieser Bach hiess mich, ihm zu folgen. Ich tat es, und er wurde breiter, wurde zu einem Fluss, der durch ein Flussbett mit sonderbar geformten Steinen, welche gewaltsam hingeworfen schienen, floss.
Die Steine wurden immer grösser, grösser als ich selbst, und bauten sich vor mir zu einer steilen, hohe, Wand auf. Der Fluss forderte mich dennoch auf, ihm weiter zu folgen. Er war nun kleiner und tiefer geworden, ähnlich der Hauptschlagader des Herzens.

Und ich hielt inne.

Nun sah ich den Gletscher deutlich vor mir. Doch ich wartete und konnte genau beobachten, wie der Gletscher mit den Lichtverhältnissen seine Farbe änderte: von strahlend weiss im grellen Mondlicht zu blaugrau in der flimmernden Hitze des Tages. Ich spürte die Stärke dieses in Bedrängnis geratenen Kriegers. Nachdem ich Rast gemacht hatte, fühlte ich die Anziehungskraft des jetzt tiefen Flusses, und ich stieg weiter auf und nahm die Flussgesänge auf. Schliesslich stand ich auf dem uralten, vor Weisheit strotzenden Eis. Ich hörte die Töne des Wassers, das für immer davonrauschte, keine sanften Töne, sondern die des für immer verschwindenden Gletschers - wie das donnernde, hässliche Rumpeln einer Waschmaschine in vollem Betrieb. Langsam kletterte ich über die zyklopischen Steine hinab und sah den Strom des Gletscherwassers zu einem Fluss werden, der das Tal hinunter von Vals nach Chur fegt und sich schliesslich mit den Seitenarmen des Rheins vereint.

Spät in einer eiskalten Januarnacht 2010 stand ich in Rheinfelden in einem kleinen Garten neben einem vereisten Baum und blickte auf den vorbeifliessenden Rhein. Aus der Tiefe hörte ich die geisterhaften Stimmen dieser geschmolzenen Gletscher noch immer singen. An jenem Abend hatte ich viele Stunden lang meine Fotos dieser Gletscher angeschaut, die an eine gotische Kapelle am Rhein projiziert wurden. Die „Johanniterkapelle“, aus Stein gebaut und vorübergehend mit schmelzenden Eisgebilden überzogen, wurde in dieser dunklen Nacht zu einem Leuchtturm, der die Warnsignale an die Menschen aussandte: Gebt acht und wachet auf!

Am Himmel sah ich die Schlagzeile eines Artikels, den ich am Morgen gelesen hatte, aufblitzen: GLETSCHERSCHWUND SEIT 19 JAHREN. Darin stand: „(…) laut neuester Daten des World Glacier Monitoring Service der Universität Zürich vom Donnerstag hält das weltweite Gletscherschmelzen seit 19 Jahren in Folge an.“ (International Herald Tribune, 23. – 24. Januar 2010).

Julia Calfee, Zürich, 1. Februar 2010

Deutsche Übersetzung des englischen Originals: Martina Gyger, Meilen